Aktuelles

Ereignisreiche Woche für Kultur der Reparatur

Im Zeitraum von 18. bis 20.09.2019 findet die dritte internationale Product Lifetimes and the Environment (PLATE) Konferenz in Berlin statt. Der Fokus der Veranstaltung liegt auf Langlebigkeit der Produkte im Kontext der Nachhaltigkeit aus politischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht. Der thematische Bogen spannt sich von Langlebigkeit und Produktdesign über Kreislaufwirtschaft und Reparatur/Selbermachen-Initiativen bis hin zu Obsoleszenz 4.0 und Digitalisierung.

Direkt im Anschluss findet vom 20. Bis 22.09. das Fixfest_Reparatur-Festival 2019 statt, bei dem Reparierende, Praktiker_innen, Aktivist_innen und Wissenschaftler_innen gemeinsam über das Recht auf Reparatur, Obsoleszenz und zukünftige Strategien diskutieren werden.

Zu Beginn des Festivals am Freitag, den 20.09.2019, wird die Vernissage unserer REPARA/KUL/TUR-Ausstellung stattfinden, zu der alle Interessierten herzlich eingeladen sind.

 

Interview mit Kristina Deselaers zur Kultur des gemeinsamen Reparierens

Im Rahmen unseres Projektes hat Frauke Hehl ein Expert_innen-Gespräch mit Kristina Deselaers, die 2013 das erste Hamburger Repair Café mitbegründet hat, durchgeführt.

Im Interview erzählt Kristina Deselaers von ihren Erfahrungen in Repair Cafés, die für sie mehr sind als Orte des gemeinsamen Geräteschraubens. Außerdem spricht sie von Veränderung der Verbindung zu den Objekten, die repariert werden und nicht zuletzt von ihren persönlichen Anliegen, wie Politik und Verwaltung Reparatur-Initiativen bestärken können.

Herausforderung soziale Teilhabe – Repair-Cafés als Orte inklusiver nachhaltiger Entwicklung?

In der Zeitschrift Soziologie und Nachhaltigkeit – Beiträge zur sozial-ökologischen Transformationsforschung ist ein Artikel von REPARA/KUL/TUR-ZTG-Team erschienen.

Der Beitrag fokussiert die Frage der Möglichkeiten und Hindernisse für soziale Teilhabe an Repair-Cafés und basiert auf teilnehmender (Selbst)Beobachtungen.

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Neues Medium für Reparatur-Initiativen

SPLiTTER ist das neue Medium für alle Reparatur-Initiativen im deutschsprachigen Raum. Das SPLiTTER soll die Veilfalt der Reparatur-Initiativen, ihre Erlebnisse und Entwicklungen  dokumentieren. Es ist angelegt wie ein „Fanzine“, ein handgemachtes Magazin von Fans für Fans. Es ist ein offenes Medium entstanden, ohne Seitenzahlen, individuell zusammenstellbar, leicht zu ergänzen – und stilecht mit Schere, Stift und Kleber handgemacht.

https://reparakultur.files.wordpress.com/2019/01/splitter1_2019-1.pdf
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Gedanken über die Reparaturfreundlichkeit der Gerätre

von Walter Röhm (CC BY-NC)

Wie reparaturfreundlich sind Geräte?

Manchmal ist es ärgerlich, dass ein Gerät entsorgt werden muss, weil

  1. ein kleines Teil defekt ist, das als Ersatzteil nicht nachgekauft werden kann
  2. dessen Reparatur zu aufwändig ist
  3. das defekte Gerät beim Auseinanderbau zerstört wird
  4. zum Öffnen des Gerätes Spezialwerkzeug benötigt wird
  5. Sicherheitsaspekte dagegen sprechen (elektrische Kriechströme, Thermoschalter, ect.)

Schraubverbindungen haben den Vorteil, dass sie leicht lösbar sind und so Reparaturen und Umbau­ten erleichtern. Das ist heutzutage offenbar von vielen Herstellern gar nicht mehr gewünscht. Immer öfter werden spezielle Schraubenkopfformen verwendet, für die es keinen gängigen Schraubendreher gibt. Im Folgenden eine kleine Auswahl:

Kopf-Schlitz, Kopf-Kreuzschlitz, Außen-Sechskant, Innen-Sechskant (Inbus), Innen-Sechsrund (Torx), Außen-Vierkant, Innen-Vielzahn (XZN), Innen-Vierkant (Robertson, in Nordamerika).

Meine bisherige Erfahrung im Repair Café ist, dass folgende Punkte die Reparatur öfter erschweren oder unmöglich machen:

  1. Geräte lassen sich schwer auseinander bauen. Oft werden Schrauben mit sehr speziellen Schraub­kopfformen verwendet. Manchmal sind die Schrauben auch versteckt angebracht.
  2. Gehäuse werden durch Kunststoffschnappverschlüsse miteinander verbunden, die nicht oder nur mit Spezialwerkzeug zerstörungsfrei gelöst werden können und oft schwer zu finden sind.
  3. Die defekten Geräte sind so alt, dass es keine Ersatzteile mehr gibt. Typisch sind z.B. defekte An­triebsriemen in alten Kassettenrecordern oder defekte Ein-Aus-Schalter.
  4. Die Geräte sind mechanisch derart komplex und filigran aufgebaut, dass jeder Eingriff die vollständige Zerstörung zur Folge haben kann z.B. Plattenspieler, CD-Player, Kassettenrecorder, Drucker.
  5. Jede Reparatur erfordert ein gewisses Knowhow. Da jedes Mal andere Geräte zur Reparatur ge­bracht werden, kann das Knowhow nur langsam wachsen.
  6. Elektrische Baugruppen werden durch die moderne Elektronik und Software/Firmware immer kompakter und leistungsfähiger. Eine Fehleranalyse ist ohne spezielle Messgeräte kaum, eine Repa­ratur wie z.B. der Austausch defekter Bauelemente oder Nachlöten nur in seltenen Fällen möglich.

Labortisch 1.1

Könnten Geräte reparaturfreundlicher konstruiert werden

Die Verwendung gängiger Schraubkopfformen würde das Öffnen vieler Geräte erleichtern – aber das bedeutet noch nicht, dass sie dann auch repariert werden könnten. In der Regel halten Küchen­geräte ca. 10 Jahre. Wenn sie nach dieser Zeit defekt werden, gibt es oft keine Ersatzteile mehr.

Viele Hersteller versuchen, das Öffnen der Geräte zu erschweren. Gründe könn­ten sein, dass Kun­den nicht schon vor dem Ende der Gewährleistung die Geräte selbstständig öff­nen oder dass die Be­triebssicherheitbeeinträchtigt wird, wenn Laien Geräte zerlegen und mangel­haft wieder zusammen­bauen.

Geräte werden so konstruiert, dass sie vor allem leicht montiert werden können. Schnappverschlüsse sind in der Montage einfacher und billiger als Verschraubungen. Da in der Realität nur relativ weni­ge Geräte repariert werden, würden, wäre die Konstruktion auf leichte Reparierbarkeit optimiert, für den Verbraucher insgesamt höhere Kosten ent­stehen.

 

 

Repaircafé zur Sommerferienzeit. Verdichtung vieler Repaircaféerlebnisse.

von Matthias Leitlein (CC BY-NC)

Repaircafé zur Sommerferienzeit. Man sollte annehmen, die Menschen wollen nur im Park liegen und den Tag ausklingen lassen. Nichtstun. Herumgammeln. Gott einen guten Mann sein lassen.
Stattdessen fällt ca. ALLEN gleichzeitig ein „Mensch; HEUTE könnt ich doch mal ins Repaircafé gehen. Da war ich noch nie!“.
Und so drängeln sich die Massen im Eingangsbereich, der Empfang spult seine Texte tapfer in einer unpausierten Endlosschleife ab und an den Tischen in der Werkstatt wird es eng. Stimmengewirr, dazu Gewusel von Gästen, Helfern und Reparateuren und über allem die Geräusche der Patienten vor, während und nach der OP: Föhns, Radios, startende Windows, Staubsauger… Bei den meisten Lauten merkt selbst der Laie: „DA stimmt was nicht!“.

Die ausliegenden Fälle am Tresen.

„Was klingt wie etwas, was ich schon einmal hatte? Wo kenn ich mich aus? Oh je; nix aus meinem Fachgebiet!“. Gelinde Versagensangst schwingt mit, wenn es nur „Neues“ gibt. Eine Fehlersuche in Terra Incognita ist immer mit Extra-Nervenkitzel verbunden. Dann noch die Wartenden im Nacken; ihre hoffnungsfrohen Augen auf sich spürend macht die Wahl oft auch nicht einfacher. Ab und an ist jemand dabei, der meint ein Anrecht auf Sonderbehandlung zu haben und dies lauthals kund tut. Oder tiefempört mit seiner Begleitung über die ZUSTÄNDE hier diskutiert, Wartezeit, Temperatur, … Selten. Aber sie gibt es. Irgendwas am Ziel eines Repaircafés haben sie nicht begriffen. Und es findet sich kein Sozialarbeiter weit und breit, der sie zur Seite nimmt und erklärt, dass sie sich hier in einem Nerdbiotop befinden, voller zarter Pflänzchen, die mit solch negativer Energie nicht umgehen können…

Ansonsten ist das Repaircafé ja eine beschützende Werkstatt. Die Statuten erlauben es, auch versagen zu können. Sich daran erinnernd greife ich einen Fall und suche mir den Kunden. Idealerweise übersehe ich dabei „ich-war-aber-zuerst!“-Blicke.
Doch wenn man sich mit seinem Gast und der Besuchsursache dann ein Plätzchen am Tisch gesucht hat und sich Schraube um Schraube tiefer vorarbeitet, wird es ruhiger um einen. Mit dem Fokus auf die Fehlersuche senkt sich eine Haube über uns drei. Die Umgebung tritt zurück, die Ablenkung nimmt ab, man ist für sich. Ruhe.
Eventuell hat man eine Vermutung, woran das Problem liegen könnte oder man macht das Objekt erst einmal auf; reinkucken hilft meistens weiter. Vorsichtig öffnen, dabei so wenig wie möglich abreißen oder -knicken (Staubsauger sind da die Hölle!). Zu sollte man es ja auch wieder machen können.

Wenn sich dann die Fehlerursache offenbart, gepaart mit einer Ahnung ob ihrer Reparierbarkeit, steigt das Fieber. Hin und wieder dem Besucher verraten, was man tut, ihn einbinden, vielleicht darf er auch mal was festhalten. Aber sonst: der Weg liegt klar vor mir, jetzt Schritt für Schritt zum Ziel, frickeln, mit den Tücken des Produktdesigns kämpfen ohne bleibende Schäden zu hinterlassen, hoffentlich keine in Harz vergossene Elektrik, Federn vorsichtig aushängen, Kabelstränge zur Seite schlängeln, Staub/Öl-Schmiere an den Fingern, …

DA ist ist er, der Übeltäter, jetzt „nur noch“ die Platine ausbauen, um an die Unterseite zu kommen, der Lötkolben ist bereit, das Ersatzbauteil war im Fundus zu finden, das eigentliche Problem ist dann schnell behoben.

Funktionstest mit offenem Brustkasten; „Bitte alle vom Patienten zurücktreten!“, Stecker rein, Schalter an: ER BRUMMT WIEDER! (…so wie er soll).

Jetzt schon ist das Hochgefühl da, die Freude und Zufriedenheit, die Bestätigung der Selbstwirksamkeit. Der Zusammenbau geht beschwingt von statten, den Pfad rückwärts beschreiten ohne zu viele Schrauben zu vergessen… Dann das geflickte Objekt dem frohen Kunden in die Hand drücken (Beeindruckend: die Dame, die zum wieder funktionierenden Tonbandgerät zu tanzen begann) und sich nach dem Hände waschen eine Stulle gönnen.

Kauend steh ich da und bade noch etwas im Wohlgefühl des Erfolgserlebnisses. Entspannt wie Buddha blicke ich hinunter auf das muntere Chaos um mich herum; alles ist gut. Deswegen bin ich hier.

Repara/kul/tur auf dem Netzwerktreffen des VOW e.V.

Im Rahmen des jährlichen Vernetzungstreffens Offener Werkstätten vom 16.11. – 18.11.2018 in Lübbenau im Spreewald hat Frauke Hehl den aktuellen Stand des Projekts Repara/kul/turen vorgestellt:

Zunächst konnten die über hundert Besucher*innen des Netzwerktreffens in der Vorstellungsrunde People & Projects am 17.11.2018 mehr über den Verlauf des ersten Projektjahres und die geplanten Aktivitäten in der zweiten Projektphase erfahren.

Am späteren Nachmittag fand ein Workshop zum Thema statt. Zunächst war geplant, gemeinsam Aufgaben aus dem Erzählkoffer zu bearbeiten, allerdings gab es viele Verständnisfragen zu dieser Citizen Science-Methode zu klären: Erzählkoffer – wie funktioniert das überhaupt? Wie werden die Ergebnisse verwendet und aufbereitet? Im kommenden Jahr soll eine Ausstellung die Ergebnisse des Forschungsprojekts präsentieren; während des Workshops kam die Überlegung auf, ob anstelle oder als Ergänzung einer Ausstellung nicht gezielt Aktivitäten des Selbermachens – Reparieren, DIY, Making/Hacking – angeboten werden sollten, auch weil ein solches Setting dem eigentlichen Gegenstand der Forschung näherkäme.

Insgesamt ergab sich aus der Diskussion im Plenum und dem Workshop ein fruchtbarer Austausch, der in lokalen Runden vor Ort weiter fortgesetzt werden.

Poster Einzelgespräche in Honigfabrik (1)