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Repaircafé zur Sommerferienzeit. Verdichtung vieler Repaircaféerlebnisse.

von Matthias Leitlein (CC BY-NC)

Repaircafé zur Sommerferienzeit. Man sollte annehmen, die Menschen wollen nur im Park liegen und den Tag ausklingen lassen. Nichtstun. Herumgammeln. Gott einen guten Mann sein lassen.
Stattdessen fällt ca. ALLEN gleichzeitig ein „Mensch; HEUTE könnt ich doch mal ins Repaircafé gehen. Da war ich noch nie!“.
Und so drängeln sich die Massen im Eingangsbereich, der Empfang spult seine Texte tapfer in einer unpausierten Endlosschleife ab und an den Tischen in der Werkstatt wird es eng. Stimmengewirr, dazu Gewusel von Gästen, Helfern und Reparateuren und über allem die Geräusche der Patienten vor, während und nach der OP: Föhns, Radios, startende Windows, Staubsauger… Bei den meisten Lauten merkt selbst der Laie: „DA stimmt was nicht!“.

Die ausliegenden Fälle am Tresen.

„Was klingt wie etwas, was ich schon einmal hatte? Wo kenn ich mich aus? Oh je; nix aus meinem Fachgebiet!“. Gelinde Versagensangst schwingt mit, wenn es nur „Neues“ gibt. Eine Fehlersuche in Terra Incognita ist immer mit Extra-Nervenkitzel verbunden. Dann noch die Wartenden im Nacken; ihre hoffnungsfrohen Augen auf sich spürend macht die Wahl oft auch nicht einfacher. Ab und an ist jemand dabei, der meint ein Anrecht auf Sonderbehandlung zu haben und dies lauthals kund tut. Oder tiefempört mit seiner Begleitung über die ZUSTÄNDE hier diskutiert, Wartezeit, Temperatur, … Selten. Aber sie gibt es. Irgendwas am Ziel eines Repaircafés haben sie nicht begriffen. Und es findet sich kein Sozialarbeiter weit und breit, der sie zur Seite nimmt und erklärt, dass sie sich hier in einem Nerdbiotop befinden, voller zarter Pflänzchen, die mit solch negativer Energie nicht umgehen können…

Ansonsten ist das Repaircafé ja eine beschützende Werkstatt. Die Statuten erlauben es, auch versagen zu können. Sich daran erinnernd greife ich einen Fall und suche mir den Kunden. Idealerweise übersehe ich dabei „ich-war-aber-zuerst!“-Blicke.
Doch wenn man sich mit seinem Gast und der Besuchsursache dann ein Plätzchen am Tisch gesucht hat und sich Schraube um Schraube tiefer vorarbeitet, wird es ruhiger um einen. Mit dem Fokus auf die Fehlersuche senkt sich eine Haube über uns drei. Die Umgebung tritt zurück, die Ablenkung nimmt ab, man ist für sich. Ruhe.
Eventuell hat man eine Vermutung, woran das Problem liegen könnte oder man macht das Objekt erst einmal auf; reinkucken hilft meistens weiter. Vorsichtig öffnen, dabei so wenig wie möglich abreißen oder -knicken (Staubsauger sind da die Hölle!). Zu sollte man es ja auch wieder machen können.

Wenn sich dann die Fehlerursache offenbart, gepaart mit einer Ahnung ob ihrer Reparierbarkeit, steigt das Fieber. Hin und wieder dem Besucher verraten, was man tut, ihn einbinden, vielleicht darf er auch mal was festhalten. Aber sonst: der Weg liegt klar vor mir, jetzt Schritt für Schritt zum Ziel, frickeln, mit den Tücken des Produktdesigns kämpfen ohne bleibende Schäden zu hinterlassen, hoffentlich keine in Harz vergossene Elektrik, Federn vorsichtig aushängen, Kabelstränge zur Seite schlängeln, Staub/Öl-Schmiere an den Fingern, …

DA ist ist er, der Übeltäter, jetzt „nur noch“ die Platine ausbauen, um an die Unterseite zu kommen, der Lötkolben ist bereit, das Ersatzbauteil war im Fundus zu finden, das eigentliche Problem ist dann schnell behoben.

Funktionstest mit offenem Brustkasten; „Bitte alle vom Patienten zurücktreten!“, Stecker rein, Schalter an: ER BRUMMT WIEDER! (…so wie er soll).

Jetzt schon ist das Hochgefühl da, die Freude und Zufriedenheit, die Bestätigung der Selbstwirksamkeit. Der Zusammenbau geht beschwingt von statten, den Pfad rückwärts beschreiten ohne zu viele Schrauben zu vergessen… Dann das geflickte Objekt dem frohen Kunden in die Hand drücken (Beeindruckend: die Dame, die zum wieder funktionierenden Tonbandgerät zu tanzen begann) und sich nach dem Hände waschen eine Stulle gönnen.

Kauend steh ich da und bade noch etwas im Wohlgefühl des Erfolgserlebnisses. Entspannt wie Buddha blicke ich hinunter auf das muntere Chaos um mich herum; alles ist gut. Deswegen bin ich hier.

Repara/kul/tur auf dem Netzwerktreffen des VOW e.V.

Im Rahmen des jährlichen Vernetzungstreffens Offener Werkstätten vom 16.11. – 18.11.2018 in Lübbenau im Spreewald hat Frauke Hehl den aktuellen Stand des Projekts Repara/kul/turen vorgestellt:

Zunächst konnten die über hundert Besucher*innen des Netzwerktreffens in der Vorstellungsrunde People & Projects am 17.11.2018 mehr über den Verlauf des ersten Projektjahres und die geplanten Aktivitäten in der zweiten Projektphase erfahren.

Am späteren Nachmittag fand ein Workshop zum Thema statt. Zunächst war geplant, gemeinsam Aufgaben aus dem Erzählkoffer zu bearbeiten, allerdings gab es viele Verständnisfragen zu dieser Citizen Science-Methode zu klären: Erzählkoffer – wie funktioniert das überhaupt? Wie werden die Ergebnisse verwendet und aufbereitet? Im kommenden Jahr soll eine Ausstellung die Ergebnisse des Forschungsprojekts präsentieren; während des Workshops kam die Überlegung auf, ob anstelle oder als Ergänzung einer Ausstellung nicht gezielt Aktivitäten des Selbermachens – Reparieren, DIY, Making/Hacking – angeboten werden sollten, auch weil ein solches Setting dem eigentlichen Gegenstand der Forschung näherkäme.

Insgesamt ergab sich aus der Diskussion im Plenum und dem Workshop ein fruchtbarer Austausch, der in lokalen Runden vor Ort weiter fortgesetzt werden.

Poster Einzelgespräche in Honigfabrik (1)

 

Auf dem Höhepunkt des gemeinsamen Forschens – Forschungswerkstätten mit den Bürgerforscher_innen

In den vergangenen Wochen hat das REPARA/KUL/TUR-Team im Rahmen von vier Workshops in Berlin, Hamburg und München gemeinsam mit den beteiligten Bürgerforscher_innen über das Reparieren und Selbermachen im Alltag und die Rolle von Repair-Café und offenen Werkstätten geforscht.

Die mitforschenden Bürger_innen haben ihre Forschungsergebnisse aus den Erzählkoffern präsentiert und es wurde gemeinsam interpretiert, analysiert und diskutiert.

Begonnen haben wir mit einer Ausstellung einzelner Ergebnisse. Von fliegenden Fahrradfelgen, über detaillierte Zeichnungen, z.B. von den Orten, an den sich reparierte und selbstgemachte Gegenstände befinden, hin zu lebhaften Geschichten von Reparier- und Selbermachexperimenten war alles dabei.

In der Kernphase der Workshops haben wir in Kleingruppen intensiv ausgewählte Aufgaben aus den Erzählkoffern verglichen und analysiert. Die Themen und Erkenntnisse waren so vielfältig wie die Zusammensetzung der Gruppen. Oft wurde mit scheinbar einfachen Fragen begonnen: Was ist eigentlich Werkzeug? Gibt es eine Definition von Selbermachen? Gehört das Einkochen von Spargel dazu? Ist eine Stricknadel ein Reparaturwerkzeug oder müssen es immer Spezialtools sein? Auf dieser Basis entwickelten sich oft übergreifende Fragestellungen zu gesellschaftlichen Probleme, die bisweilen kontrovers diskutiert wurden: Wie soll man mit Stereotypen über „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ in Repair Cafés und Offenen Werkstätten umgehen? Gibt es Potentiale, diese stereotypen Rollenzuweisungen beim gemeinsamen Reparieren zu durchbrechen? Kann das Reparieren und Selbermachen zu einer bedeutenden Veränderung der Wegwerfkultur beitragen? Was bedarf es sonst, um zum sozialen Wandel beizutragen?

Im nächsten Schritt beginnt die Phase der gemeinsamen Entwicklung von Zukunftsszenarien und Förderstrategien für die Repara/kul/tur sowie der Gestaltung einer Ausstellung mit den Ergebnissen der Bürger_innen-Forschung. Wir freuen uns, dass sich viele Bürgerforscher_innen bereit erklärt haben, weiter im Projekt mitzuwirken!

Entstehungsgeschichte des Erzählkoffers

Der Erzählkoffer ist eine kreative Methode, die durch Zeichnen, Basteln, Fotografieren, Fantasieren und Schreiben zur Selbstbeobachtung anregen soll und neue Einblicke in den alltäglichen Umgang mit unseren Besitztümern sowie Reparieren und Selbermachen geben kann.

Im Projekt Repara/kul/tur wollen wir die Erzählkoffer als bürgerwissenschafltiche Methode ausprobieren und weiterentwickeln. Wird sie von Bürgerwissenschaftler_innen als praktikable, anregende und wissenserweiternde Methode der Selbst-Beobachtung gesehen? Können wir über den Erzählkoffer das wissenschaftliche Wissen über die Aneignung und Alltagsintegration von Reparieren und Selbermachen und die Veränderung von Mensch-Objekt-Beziehung erweitern?

Diesen Erzählkoffer (mit verschiedenen Aufgaben) haben die Bürgerwissenschaftler_innen im Juni zugeschickt bekommen:

DSC_0300

Der Erzählkoffer wurde in mehreren Arbeitsschritten vom Verbundteam (VOW, ZTG, BUND, ISInova) entworfen und mit den Bürgerwissenschaftler_innen modifiziert und weiterentwickelt: Januar 2018 Verbundtreffen & Einzelgespräche, Februar 2018 Ausprobieren des Koffers mit der Senior Research Group (SRG) und April/Mai 2018 Erzählcafé mit Bürgerwissenschaftler_innen. Den Verlauf der Veränderung des Koffers haben wir anhand von drei Aufgaben in den unten stehenden Fotos dargestellt. Die einzelnen Abbildungen stellen die Entwicklungsschritte der Aufgaben dar und in den Luftblasen befinden sich die Gedanken und Kommentare des Teams.

Aufgabe 1: Das Fahrrad

Sie haben eine Repair Café besucht. Stellen Sie sich vor, andere Reparateur_innen, Besucher_innen, Manager_innen, Organisator_innen, usw. sind Fahrradteile. Welches Fahrradteil: Rad, Lenker, Klingel, usw. würden die Personen am besten repräsentieren? Wieso? Schreiben Sie zu den Fahrradteilen die jeweiligen Personen und eine Beschreibung, warum Sie dieses Fahrradteil ausgesucht haben.

Fussball-Fahrrad copy

Aufgabe 2: Fotos meiner Gegenstände

Wie leben Sie im Alltag zu Hause mit Ihren Gegenständen? Machen Sie ein Foto von den folgenden Orten/ Gegenständen und laden Sie die Fotos auf den USB-Stick.

Meine Gegenstaende copy

Aufgabe 3: Der Nachruf

Denken Sie an einen Ihrer Gegenstände, der nicht repariert werden konnte. Gestalten (malen, schreiben, kleben, usw.) Sie einen Nachruf für diesen Gegenstand.

Nachruf copy

Gerne könnt Ihr uns eine Mail schreiben, falls Euch die Entwicklung des Erzählkoffers und/ oder der einzelnen Aufgaben interessiert: mitmachen@reparakultur.org.

Repara/kul/tur stellt sich auf dem Netzwerktreffen der Reparatur-Initiativen in Kassel vor

Mit zwei Mini-Workshops: „Repara/kul/tur – Reparieren und Selbermachen kreativ (selbst) erforschen“ stellt sich das Citizen Science-Projekt Repara/kul/tur auf dem vierten Netzwerktreffen der Reparatur-Initiativen am 13.10. in Kassel vor. Neben der Möglichkeit, die im Forschungsvorhaben angewendete Methode kennenzulernen und auszuprobieren, werden die Teilnehmenden der Workshops einen kurzen Einblick in den bisherigen Projektverlauf – inklusive einer kleinen Ausstellung – bekommen. Magdalena Meißner und Daniel Affelt vom Verbundteam werden den Workshop vor Ort gestalten.

Das Vernetzungstreffen findet zwischen 10:00 und 17:00 Uhr im Hostel des Sandershaus‚ statt. Das ehemalige Verwaltungsgebäude der Haferkakaofabrik Kassel ist seit 2017 ein Veranstaltungs- und Gemeinschaftsort und beherbergt auch eine Geflüchtetenunterkunft und eine Offene Werkstatt.

Reparateur*innen können sich bis zum 24.09.2018 für das Treffen anmelden. Weitere Informationen zur Anmeldung und zum Treffen auf der Seite der Reparatur-Initiativen.

Repara/kul/tur auf der SCORAI 2018 in Kopenhagen

Im Rahmen der SCORAI 2018-Konferenz* in Kopenhagen haben  Sabine Hielscher und Melanie Jaeger-Erben vom Repara/kul/tur-Team einen interaktiven Workshop zum Thema „Fixing the World? Experimenting with Alternatives in Repairing & Making Initiatives“ („Die Welt reparieren? Experimentieren mit Alternativen in Reparatur- und Selbermach-Initiativen“) durchgeführt. Statt eines klassischen Vortrags wurden über eine Ausstellung plus Audio-Tour Einblicke in die Forschung von Repara/kul/tur gegeben. Für den Repara/kul/tur-Blog haben wir die Audio-Aufnahme (englisch) mit einer Präsentation mit Fotos und einigen Ausstellungsstücke kombiniert:

 

Am Workshop beteiligt waren Prof. Heike Derwanz (Universität Oldenburg), Dr. Cindy Kohtala (Aalto University) und Tung Dao (Nottingham Trent University) , die ihre Forschung zum Thema Reparieren und Selbermachen in kurzen interaktiven Inputs vorgestellt haben. Dabei mussten die Teilnehmenden auch selbst Hand anlegen und aktiv mitdiskutieren.

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Die weiblichen Teilnehmenden wurden – wie vor 100 Jahren – von Heike Derwanz im Nähen unterrichtet…

 

SCORAI 2018 Workshop
…während die männlichen Teilnehmenden einen theoretischen Text zum Thema Stopfen und Reparieren erarbeiten sollten.
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Die Repara/kul/tur-Austellung gab Einblick in aktuelle gesellschaftliche Experimente mit Reparieren und Selbermachen.

*SCORAI = Sustainable Consumption Research and Action Initiative